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Video: Warum glauben Leute Desinformation?

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Marina Weisband hat ein hervorragendes Video zum Thema: Warum glauben Leute Desinformationen? erstellt.

Hier das mehr oder weniger genaue Transkript:

11 Millionen Russen haben direkte Verwandte in der Ukraine. Geschwister, Eltern, Kinder. Die erzählen ihren russischen Verwandten am Telefon, was in der Ukraine passiert. Und die glauben es nicht. Warum eigentlich nicht?

Die russische Desinformationskampagne rund um die Ukraine begann in 2014 als Vorbereitung auf die Zerstörung an der demokratischen Ukraine. Und ja, acht Jahre lang wurden die Menschen durch das russische Fernsehen praktisch gehirngewaschen. Aber ist das als Erklärung ausreichend? Wie kann denn das Fernsehen überzeugender sein, als die eigenen Kinder, die eigenen Geschwister?

Die Antwort ist psychologisch. Sie glauben dem Fernsehen mehr, weil sie dem Fernseher mehr glauben wollen. Es ist ein emotionales Bedürfnis, sich im Recht zu fühlen. Zu den guten zu gehören. Sich als Nation groß zu fühlen.

Es gibt mehrere Missverständnisse im Zusammenhang mit Desinformationen. Das erste Missverständnis ist, dass die Menschen der Desinformation dort ausgeliefert sind, wo sie verbreitet wird. Doch das ist nicht der Fall. Es gibt einen zweiten wichtigen Faktor. Das emotionale Bedürfnis, diese Desinformation zu glauben. Wenn die Menschen kein solches emotionales Bedürfnis haben, werden sie die manipulativen Massenmedien umgehen und sich unabhängig informieren.

Wir sehen, dass in Ländern mit freien Massenmedien, die leicht umgangen und ignoriert werden, um irgendwo obskure Verschwörungstheorien zu finden, die in das eigene Weltbild passen. Die Menschen suchen sich die Informationen, denen sie glauben wollen. Wir können radikale Kanäle blockieren. Wir können und müssen Nazis, die Plattform entziehen. Wir können und müssen Fakten checken. Alle diese dinge, sind gut und die in ihrem Zweck. Aber sie ändern nichts an dem menschlichen Bedürfnis, bestimmte Lügen, glauben zu wollen.

Wenn die Welt zu komplex wird, wollen die Menschen Geschichten glauben, die diese Komplexität vermeintlich erklären und vereinfachen. Geschichten, in denen es die guten und die bösen gibt. In denen man jetzt zu den guten gehört. Diejenigen, die das Gefühl haben, keine Kontrolle über eine digitalisierte globalisierte Welt zu haben, wollen Geschichten glauben, die besagen, dass sie jemand, der um die Kontrolle hat. So entstehen antisemitische Verschwörungstheorien.

Mit reiner Regulierung werden wir diesem Phänomen nicht beikommen können. Wenn wir wollen, dass die Menschen sich kritisch und objektiv mit Informationen auseinandersetzen, müssen wir etwas stärken, das über reine Medienkompetenz hinaus geht, nämlich die Selbstwirksamkeit. Das Gefühl selbst ein verantwortlicher unverzichtbarer Teil der Gesellschaft zu sein. Nicht nur Opfer oder Konsument, sondern Gestalter der eigenen Gesellschaft. Das bedeutet eine Stärkung der Demokratieerziehung, der lokalen Strukturen und der Unterstützung des Gemeinwesens. Der Sozialhilfe sowie Partizipation. Diese Dinge sind kein Luxus, wenn es um den Aufbau widerstandsfähige demokratischer Gesellschaften geht. Das sind die Grundlagen!

Das zweite Missverständnis besteht darin, dass Desinformation darauf abziele, Menschen davon zu überzeugen, dass etwas wahr sei. Viele Menschen scheinen verwirrt darüber zu sein, dass so viele russische Desinformationen lächerlich unglaubwürdig erscheinen. Sollen wir wirklich glauben, dass der Ukraine Atomwaffen baut? Nein. Das sollen wir nicht.

Als Trump 2017 zum ersten Mal über die Größe der Menschenmenge bei seiner Amtseinführung log – ein Ereignis, das wir alle mit eigenen Augen gesehen haben – waren Journalisten verblüfft, was er damit bezwecken wollte. Damals schrieb ich einen Artikel darüber, (archive.org) wie sehr mich das an eine typische Propagandamasche aus dem KGB Drehbuch erinnert. Steve Bannon hat diesen Schachzug geprägt: „Flood the Zone with shit“ – die Zone mit Scheiße fluten.

Die Strategie besteht darin, so viele beliebige Lügen so laut zu erzählen, dass die Wahrheit verloren geht. Ich habe das genannt „der Himmel ist grün“ und das bereits in einem Video beschrieben. Kurz gefasst funktioniert das so: Ich sage: „Der Himmel ist grün.“ Du siehst auf, korrigierst mich verwirrt: „Nein, der Himmel ist blau.“ Ich widerspreche: „Nein, der Himmel ist grün.“ Du überprüfst das, zeigst Fotos und eine Spektralanalyse und besteht darauf: Der Himmel ist blau! Ich sage ganz ruhig: „Der Himmel ist grün.“ Du wirst ärgerlich und schreist: „ER IST BLAU, DU IDIOT.“ Nun antworte ich: „Na, na, kein Grund deswegen unhöflich zu werden. Du denkst, er ist blau, ich denke, er ist grün, wir haben beide ein Recht auf unsere eigene Meinung. Ich denke, wir können nicht wissen, welche Farbe der Himmel hat.“

Und das ist der Punkt. Es geht nicht darum, Dich davon zu überzeugen, dass der Himmel grün ist. Sondern darum, Dich davon zu überzeugen, dass die Wahrheit, wenn es denn eine gibt, nicht erfahrbar ist.

Wenn die Wahrheit nicht erfahrbar ist, haben wir als demokratische Gesellschaft kaum etwas, worüber wir reden können. Wir können uns nicht organisieren. Wir können keine Entscheidungen treffen. Wenn es keine objektive Wahrheit gibt, die einen Zusammenhalt zwischen uns konstruiert, dann brauchen wir eine Autorität, die entscheidet, was wahr ist und was zu tun ist. Einen starken Mann, wenn man so will.

Wenn man einen autoritären Staat errichten will, muss man zuerst die Wahrheit zerstören und alle, die sie konstruieren. Neben dem Klimawandel wird eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre der Kampf gegen den internationalen Autoritarismus und Faschismus sein. Wir sehen, dass diese Bewegungen sowohl das Internet als auch die klassischen Medien nutzen, um die Zone mit Scheiße zu fluten.

Seit vielen Jahren versuchen wir dem Feuerwehrschlauch von Unwahrheiten mit Wasserpistolen von Faktenchecks zu begegnen. Wir haben immer reagiert, immerhin der Verteidigungshaltung. Das hat nie wirklich funktioniert. Aber es gab einen Moment, der mir einen Hoffnungsschimmer gab. Das war als Russland seine Armee an der ukrainischen Grenze zusammengezogen hatte und die US-Sicherheitsdienste begannen präventiv Informationen herauszugeben: „Sie werden einmarschieren.“ Das schuf einen Regenmantel der Erwartung gegen den Feuerwehrschlauch der Unwahrheit. Das Narrativ war dadurch aufgestellt.

Als Russland dann einmarschierte, gab es kaum noch diese übliche Verwirrung und Ungläubigkeit darüber. Und das scheint mir die beste Strategie zu sein. Frühzeitig kommunizieren. Transparent kommunizieren. Mutig und klar kommunizieren. Ich glaube an Wahrheit, auch jetzt noch. Aber der Aufbau einer Gesellschaft, in der Redefreiheit herrscht, die offen und demokratisch, solidarisch und ehrlich zu sich selbst ist, erfordert Arbeit. Und diese Arbeit müssen wir jetzt investieren!

Ungenaues Transkript des Video Warum glauben Leute Desinformation? von Marina Weisband.

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